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Dissertation Dr. Julia Wearing

Frau Julia Wearing hat im Rahmen einer Anstellung als Forschungsassistentin am Adullam Spital eine Dissertation mit dem Titel „Muscle strenght and quality in old and oldest-old people” verfasst. Die Forschungsarbeit erstreckte sich über mehrere Jahre und erfolgte u.a. in Zusammenarbeit mit der Geriatrischen Klinik St. Gallen. Kürzlich wurde ihr von der Universität Maastricht der Doktortitel verliehen.

Wissenschaftliche Forschung in der Physiotherapie ist hierzulande ein noch wenig bekanntes Feld. Wie kamen Sie dazu?

Nach der Ausbildung zur Physiotherapeutin im Rahmen eines Bachelorstudiums ist es auch in der Schweiz seit bald 10 Jahren möglich, diese zum Master und mittlerweile auch bis zur Dissertation weiterzuführen. In der Schweiz gibt es aber – etwa im Gegensatz zu Holland - erst einige wenige Kolleginnen und Kollegen mit einem Doktortitel. Mich hat Forschung schon immer sehr interessiert. Als ich im Adullam die Möglichkeit bekam, eigene Studien durchzuführen um klinisch relevante Fragestellungen mit direkter Anwendbarkeit zu untersuchen, war ich begeistert.

Was war genau ihr Forschungsziel?

Mein Forschungsziel war die Beleuchtung der Diagnose Sarkopenie, dem altersbedingten Abbau der Muskulatur, in der Gruppe betagter und hoch-betagter Menschen. Für die Beurteilung der Muskelkraft der Schweizer Bevölkerung ab 75 Jahren gab es keine altersspezifischen Referenzwerte. Auch war bisher nicht untersucht worden, wie man den Verlust muskulärer Fähigkeiten bei älteren Heimbewohnern/-innen aussagekräftig messen kann. Für eine gezielte Therapieplanung ist es wichtig, altersspezifische Normalwerte und Zusammenhänge zwischen Kraft und ihren Einflussfaktoren zu kennen. Zur Schliessung dieser Lücke wollte ich einen Beitrag leisten.

Wie sind Sie praktisch vorgegangen?

Für die Beantwortung dieser praxisrelevanten Fragestellungen habe ich eine Querschnittstudie durchgeführt, in der bei einer repräsentativen Stichprobe von 244 Betagten nach einheitlicher Systematik die Handgreifkraft gemessen wurde. In einer zweiten Studie habe ich die Zusammenhänge zwischen der Selbständigkeit von Pflegeheimbewohnern/-innen in Aktivitäten des Alltags und der Muskelkraft, der Muskelmorphologie und der körperlichen Aktivität unter Berücksichtigung möglicher Einflussfaktoren wie chronische Krankheiten untersucht.

Welche Erkenntnisse konnten Sie gewinnen?

Neben der Erhebung der alters-spezifischen Normwerte für die Schweizer Bevölkerung zwischen 75 und 99 Jahren, konnte gezeigt werden, dass jeder vierte der zuhause-lebenden älteren Menschen und 4 von 5 Heimbewohnern/-innen ein hohes Kraftdefizit hat und dies deutlich mit der Selbständigkeit im Alltag zusammenhängt. Unter den Pflegeheimbewohnern blieb unter vielen untersuchten Einflussfaktoren die Oberschenkelkraft als einziger Faktor übrig, der unabhängig von den anderen die Selbständigkeit entscheidend beeinflusst. Wie sich u.a. gezeigt hat, ist im höheren Alter weniger die Muskelmasse als vielmehr deren Qualität für die alltags-relevante Kraft entscheidend.

Inwieweit sind die Ergebnisse in der Praxis umsetzbar?

Dank der repräsentativen Messreihen konnten wir Referenz- und Grenzwerte festlegen, welche uns bei der praktischen Therapieplanung Orientierung geben. Wir setzen diese im Adullam Spital bei der interdisziplinären Abklärung einer Sarkopenie (altersbedingter Verlust der Muskulatur) und bei der ambulanten Therapie von Heimbewohnerinnen und –bewohnern als Verlaufskontrolle des Therapieerfolges nun standardmässig ein.

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